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Ich sehe was, was Du nicht siehst, 1999

Die Stimmen aller europäischen Vogelarten hat Ottmar Hörl auf Tafeln notiert und nebeneinander gestellt. Alle Mitglieder der Kuhpopulation von Passau hat er fotografieren lassen. Die Summe der Einzelteile bildet jeweils die Skulptur im Sinne eines Organisationsprinzips. Die Arbeit ist demnach zerstört, wenn ein Teil weggelassen wird. Eine Weiterentwicklung dieser beispielhaften Konzeptionen ist das Kunstprojekt Götzenhain „Ich sehe was, was Du nicht siehst“.

 

Ottmar Hörl nimmt sich erstmals eine menschliche Population vor. Entscheidender Unterschied zu vorangegangenen Arbeiten ist, dass die Population sich selbst darstellt. Für die Selbstdarstellung wird der Umweg einer Arbeitsanweisung durch den Künstler gewählt.

Ottmar Hörl stellt allen Götzenhainern die Frage: „Was ist Ihnen wirklich wichtig?“

Das überwiegend mit privaten Mitteln verwirklichte Kunstprojekt hat den ganzen Ort in Bewegung versetzt.

Ottmar Hörl versteht sich dabei als Impulsgeber von Kommunikationsprozessen, die durch seine Versuchsanordnung in Gang gesetzt werden.

Bei seinem Skulpturenprojekt in Götzenhain in Hessen wurden 1800 Kleinbildkameras von über 40 freiwilligen Paten an alle Haushalte des Ortes verteilt. Die Paten übernahmen es die Spielregeln zu erklären:

Alle Menschen, die einem Haushalt angehören, sollten sich auf etwas verständigen, was Ihnen wirklich wichtig ist. Die einzige Einschränkung, die der Phantasie Grenzen setzte, war dass keine Menschen porträtiert werden sollten. Der Aspekt  persönlicher, zwischenmenschlicher Konflikte und Beziehungen blieb bewusst ausgeklammert.

Begonnen am heimischen Wohnzimmertisch, an dem die Familie zu einer Lösung, mit der alle leben können, kommen musste, setzte sich der Kommunikationsprozess fort.

Man bespricht sich mit Nachbarn; man tauscht sich mit anderen aus, was die wohl gesehen haben. Man ist gespannt auf das Gesamtergebnis. Was war wohl anderen wichtig, und wie haben sie dies sichtbar gemacht? Dem Konzept folgend, werden 1800 Rahmen gezeigt. Haushalte ohne Beitrag sind eingereiht als Bild ohne Motiv. Denn auch die Enthaltung, vielleicht sogar Verweigerung, wird als Äußerung und damit als integraler Bestandteil der Skulptur angenommen.

Durch das erhebliche Echo in allen Medien verstärkt, werden sich die Einwohner des Ortes bewusst, dass sie in gewisser Weise repräsentativ sind und nicht nur eine Ansammlung von Menschen. Gerade durch die Berichterstattung nehmen unzählige Menschen an dem Projekt teil. Wer davon hört, der stellt sich die Frage, was er als Motiv gewählt hätte.

Die Kommunikationsprozesse entwickeln somit ihre eigene Dynamik und machen eine Wiederholung des Projektes unmöglich.

Denn Götzenhain und alle, die sich mit „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ beschäftigen, haben sich verändert.

Die einzelnen Beiträge sind das Ergebnis einer Momentaufnahme, die das Deutschland des Jetzt widerspiegelt. Denn jede individuelle Lösung erscheint doch als dem vorherrschenden Wertesystem verpflichtet. Bedingt durch gemeinsame Geschichte und gemeinsame Sozialisation werden die ganz persönlichen Lösungen stets sowohl individuelles Gepräge haben als auch kollektiver Wahrnehmung entsprechen.

Die Handschrift von Ottmar Hörl tritt im Projekt „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ einmal mehr klar zu Tage. Der Künstler beschränkt seine Arbeit auf das Arrangement einer Versuchsanordnung und überlässt die Ausführung, unserer arbeitsteiligen Gesellschaft gemäß, Fachleuten (Thomas Knubben).

Wer könnte besser festhalten, was ihm wichtig ist, als die in Rede stehenden Menschen selbst?

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