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Temporäre Skulptur im gordischen Stil, 1998

„Eine immer wieder in Szene gesetzte Ikone in Ottmar Hörls Werk sind die „Skulpturen im gordischen Stil“. Ausgangspunkt bildet ein in die Erde zu verlegendes, in jedem Baumarkt in verschiedenen Farben zu findendes Leerrohr für zum Beispiel Elektrokabel. Der Künstler entdeckt die plastischen wie graphischen Qualitäten des Materials. Er entdeckt das „natürliche“ Talent dieses Rohrs: seine Flexibilität, seine Biegsamkeit und seine vielfältige Verwendbarkeit. Und er verbindet es in seiner Skulptur schließlich mit dem antiken Mythos des Gordischen Knotens, unauflösbar ohne Anfang und Ende. Die Lösung des nach Gordios, dem sagenhaften Gründer des Phrygerreiches und Vater des wegen seines Reichtums berühmten Midas, benannten Knotens war der Überlieferung nach mit der Herrschaft über Asien verbunden. 334 v. Chr. fiel der kleinasiatische Staat mit seiner Hauptstadt Gordion an Alexander den Großen, und der soll den Knoten mit einem Schwerthieb zerschlagen haben. Ottmar Hörl macht das Handwerksmaterial zum Bildträger eines Mythos. Er führt seine Flexibilität und Verwandelbarkeit vor Augen: Der Gegenstand bleibt bei sich, behält seine Identität und gewinnt zugleich eine mythisch-bildhafte Gestalt und Bedeutung, Sinnbild für ein Problem schlechthin, das auch der geniale Feldherr der Antike nur mit roher Gewalt zu lösen vermochte, weil der Gordische Knoten nicht nur ein wie auch immer zu lösendes Rätsel verkörperte, sondern ein Geheimnis. So ist auch diese Skulptur mehr ein plastisches Ereignis, Metapher für – nach bestimmten Spielregeln geschaffene – Ordnung und unauflösbare Unordnung, weil nur mit roher Gewalt in seinen ursprünglichen Zustand als Ready-made zurückzuführen … Ready-made als gefundenes, industriell gefertigtes Produkt, und Skulptur als plastisches Organisationsprinzip sind als zwei Prinzipien in den Kunstwerken Ottmar Hörls unauflöslich miteinander verbunden.“[1]

Für den Künstler Ottmar Hörl verweisen seine „Skulpturen im gordischen Stil“, die er seit Mitte der 1990er Jahre entwickelt und 1998 erstmals anlässlich des Ausstellungsprojekts im Wewerka-Pavillon als Großskulptur in dieser Dimension realisiert hat, „auf den Aspekt, dass es auch Probleme gibt, die man unter Umständen nicht lösen kann.“[2]



[1] Werner Meyer, Ottmar Hörl. Problemlösung. Skulptur als Organisationsprinzip, Ausstellungskatalog Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Todtnau im Schwarzwald 2002, S. 7-8

[2] Ottmar Hörl, Rede an die Menschheit, 2010, S. 157

 

 

 

 

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